Friseur im Pflegeheim: Wie Mama trotzdem zu ihrer Frisur kommt

Aktualisiert: 9. Okt.
Es gibt einen Satz, den ich immer wieder höre, und er kommt fast nie von den Bewohnerinnen selbst. Er kommt von ihren Töchtern oder Söhnen. "Ich komm einfach nicht dazu, mit ihr zum Friseur zu fahren."
Danach kommt meistens eine Erklärung. Dass die Arbeit gerade viel ist. Dass die eigenen Kinder auch noch da sind. Dass man am Wochenende schon zweimal im Heim war. Und dann kommt der Teil, der mir am meisten wehtut: dass es ihnen leidtut.

Ich möchte mit diesem Beitrag zwei Dinge sagen. Erstens: Deine Mama hört nicht auf, sich schön fühlen zu wollen, nur weil sie 86 ist und im Heim wohnt. Das gehört zu ihr wie bei allen anderen auch. Zweitens: Du musst das nicht selbst machen. Es gibt dafür eine Lösung, und die meisten Angehörigen wissen nur nicht, dass es sie gibt.
Ich bin mobile Friseurin. Ich komme mit Schere, Föhn und allem, was ich brauche, direkt ins Pflegeheim. Und ich schreibe das hier auf, weil viele Menschen bis heute glauben, ein Friseurbesuch bedeutet, dass die Mama irgendwie in ein Auto und in einen Salon kommen muss.
Muss sie nicht.
Ein Friseur im Pflegeheim ist keine Ausnahme und kein besonderer Gefallen. Es ist eine ganz normale Dienstleistung. Die meisten Angehörigen wissen nur nicht, dass es sie gibt.
Das Wichtigste für einen Friseurbesuch im Pflegeheim in Kürze
Zusammen mit dem Pflegeheimen organisiere ich Friseurtage: Ich, als mobile Friseurin komme für die benötigte Dauer ins Haus und arbeitet eine Liste von Bewohnerinnen und Bewohnern ab.
Organisiert wird das vom Heim. Freigeben muss es die Heimleitung, die Organisation übernimmt meist die Pflegedienstleitung, und die Stationsleitung fragt auf den Stationen durch, wer mitmachen möchte.
Angehörige buchen keinen Einzeltermin. Es genügt, die Heimleitung auf das Thema anzusprechen.
Viele Häuser haben keinen Friseurtag, weil nie jemand danach gefragt hat.
Friseurleistungen sind in österreichischen Pflegeheimen normalerweise nicht im Heimentgelt enthalten und werden getrennt bezahlt.
Ein eigener Friseurraum ist nicht nötig, das Waschbecken bringe ich mit. Ich brauche lediglich einen ruhigen Raum mit einem Stromanschluss und einem etwas größeren Spiegel.
Auch bei Demenz oder starker Unruhe ist ein Haarschnitt möglich, er läuft nur anders ab.
Gepflegte Haare wirken sich auf Stimmung und Selbstbild älterer Menschen aus. Ein Friseurtag ist kein Luxus, sondern Teil der Würde.
Inhaltsverzeichnis
Schönsein hört nicht mit 85 auf
Die Angehörigen, über die niemand spricht
Warum der Friseurbesuch so eine große Sache geworden ist
Die Möglichkeit, von der viele nichts wissen
Wie ein Friseurtermin im Pflegeheim abläuft
Was auch dann geht, wenn es schwierig ist
Häufige Fragen
1. Schönsein hört nicht mit 85 auf
Es gibt eine Annahme, die fast alle teilen, ohne sie je ausgesprochen zu haben: dass das mit dem Aussehen irgendwann aufhört, wichtig zu sein. Dass eine Frau mit 88 andere Sorgen hat als ihre Frisur. Ich mache diesen Beruf seit über zehn Jahren, und ich kann dir sagen: Das stimmt nicht.
Ich erlebe Frauen, die mir genau erklären, wie sie ihre Wasserwelle seit 1974 tragen und dass die Seite links liegen muss, nicht rechts. Ich erlebe Männer, die sich entschuldigen, weil sie sich nicht rasiert haben, bevor ich komme. Ich erlebe Damen, die vorher noch schnell die gute Bluse anziehen, weil heute die Friseurin kommt.
Das ist etwas, das ein ganzes Leben lang dazugehört hat - wieso sollte das plötzlich aufhören? Wer sich sechzig Jahre lang jeden Freitag die Haare hat legen lassen, für den ist das Teil davon, wer er ist. Das hört nicht auf, wenn sich die Adresse oder die Zahl des Alters ändert.
Was ein Haarschnitt tatsächlich macht
Was ich immer wieder sehe, und zwar wirklich jedes Mal:
Die Leute sitzen anders da, wenn sie fertig sind. Der Rücken wird gerader. Manche greifen sich in die Haare und schauen länger in den Spiegel als sonst. Eine Dame hat mir einmal gesagt, sie fühle sich jetzt wieder wie ein Mensch und nicht wie eine Patientin. Diesen Satz habe ich nie vergessen.
Am meisten bleiben mir die Damen in Erinnerung, die nach einem Sturz oder einer Krankheit längere Zeit nicht mobilisiert werden konnten. Wenn sie dann endlich wieder eine richtige Kopfwäsche bekommen, in Ruhe und mit einer extra langen Kopfmassage, ist das für viele das Schönste am ganzen Termin. Das Haarewaschen bei der Pflege ist Hygiene und muss schnell gehen. Was ich mache, ist etwas anderes.
Und dann sind da die Bewohnerinnen und Bewohner, die wochenlang im Krankenhaus waren und danach den ersten Haarschnitt seit einem halben Jahr bekommen. Da muss niemand erklären, was so ein Termin ausmacht, das sieht man.

Dazu kommt etwas, das leicht übersehen wird: Wer gepflegt aussieht, wird anders behandelt. Von Besuch, von Mitbewohnerinnen, manchmal auch vom Personal. Das ist unangenehm, aber es ist so. Ein frischer Schnitt ist deshalb nicht nur ein gutes Gefühl, er verändert auch, wie andere auf einen Menschen zugehen.
Und die Herren
Bei Männern wird es oft noch schneller abgetan, weil "da ist ja eh nicht mehr viel". Aber zu lange Nackenhaare oder Haare, die in alle Richtungen stehen, machen auch bei einem Herrn einen riesigen Unterschied. Sie spüren das genauso, sie sagen es nur seltener.
2. Die Angehörigen, über die niemand spricht
Wenn über Pflegeheime geredet wird, klingt es oft so, als säßen dort lauter vergessene Menschen. Das Bild lässt sich gut erzählen. Allerdings stimmt es nur selten.
Was ich sehe, wenn ich in die Häuser komme: Töchter, die nach der Arbeit vorbeifahren. Söhne, die am Sonntag die Wäsche holen. Schwiegertöchter, die eine bestimmte Handcreme besorgen. Enkelkinder, die Karten spielen. Menschen, die neben ihrem eigenen Leben ein zweites mitorganisieren, jahrelang.
Das Pflegepersonal macht seine Arbeit, oft unter Bedingungen, die selten einfach sind. Aber das Persönliche, die kleinen Dinge, das kommt fast immer von der Familie.
Und trotzdem reicht es nicht für alles
Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil der Tag 24 Stunden hat. Du hast einen Job, vielleicht eigene Kinder, einen Haushalt. Und dann noch die Frage, wann du es schaffst, mit deiner Mutter zum Friseur zu fahren. Das hat nichts mit "nicht wollen" zu tun.
Fast jede Angehörige, mit der ich rede, hat ein schlechtes Gewissen. Ich bin keine Psychologin, aber ich sehe viele Familien von innen, und eines kann ich sagen: Die Menschen, die ein schlechtes Gewissen haben, sind fast nie die, die eines haben müssten.
Etwas abzugeben ist kein Versagen. Du kochst das Mittagessen im Heim ja auch nicht selbst. Es gibt Dinge, für die es Menschen gibt, die das den ganzen Tag machen und deshalb besser darin sind. Haare sind so ein Ding.
Du musst nicht alles selbst machen. Du musst es nur einmal anstoßen.
3. Und das Heim ist dafür nicht zuständig
Warum ein Friseurbesuch mit einem 87-jährigen Menschen ein halber Tagesausflug ist, muss ich dir nicht erklären. Das weißt du besser als ich.
Was viele dagegen nicht wissen: Haareschneiden gehört in österreichischen Pflegeheimen normalerweise nicht zur Grundpflege und ist nicht im Heimentgelt enthalten. Waschen ja, das machen die Pflegekräfte. Schneiden, legen und färben nicht.
Manche Häuser haben einen Friseurraum und jemanden, der regelmäßig kommt. Viele haben das nicht. Und selbst wo es so etwas gibt, weiß die Familie oft nichts davon, weil beim Einzugsgespräch dreihundert andere Dinge besprochen wurden. Die Regelungen unterscheiden sich je nach Träger und Bundesland, deshalb lohnt eine Nachfrage im Haus.
4. Friseurtage im Heim: die Möglichkeit, von der viele nichts wissen
In vielen Pflegeheimen gibt es Friseurtage. Und in vielen anderen gäbe es sie, wenn einmal jemand danach fragen würde.

So funktioniert ein Friseurtag
Ich komme nicht für einen einzelnen Termin ins Heim, sondern für einen ganzen Tag. Die Stationsleitung oder Pflegedienstleitung sammelt vorher, wer im Haus etwas möchte, Schnitt, Waschen und Legen, Farbe, Herrenschnitt. Diese Liste bekomme ich, und dann arbeite ich sie ab. Zimmer für Zimmer, oder in einem Raum, den das Heim dafür herrichtet.
Das Heim hat damit einen Termin statt zwanzig Einzelabsprachen. Die Bewohnerinnen und Bewohner haben einen Tag, auf den sie sich freuen können. Und du musst nichts organisieren, nur einmal anstupsen.
Der eine Schritt, der bei dir liegt
Und zwar wirklich nur einer: Frag im Heim nach.
Viele Häuser haben keinen Friseurtag, einfach weil es nie jemand angesprochen hat. Andere hatten mal einen, und er ist eingeschlafen. In manchen gibt es einen, aber die Familien wissen nichts davon.
Zwei Gedanken, die dich vielleicht zurückhalten:
"Dafür ist doch das Heim zuständig." Formal ja, in der Praxis steht ein Friseurtag selten weit oben auf der Liste, solange niemand fragt. Und du machst dich damit nicht unbeliebt. In den meisten Häusern ist man froh über den Hinweis, weil viele Bewohnerinnen sich das wünschen und es selten von sich aus aussprechen.
"Für meine Mama allein zahlt sich das nicht aus." Darum geht es ja nicht. Wenn zehn oder fünfzehn Menschen im Haus etwas möchten, wird ein Friseurtag daraus, und deine Mama ist eine davon. Du musst niemanden überreden, nur den Anfang machen.
Für viele Bewohnerinnen ist der Friseurtermin nicht nur ein Haarschnitt. Es ist eine Stunde, in der sich jemand ausschließlich um sie kümmert und in der es einmal nicht um Medikamente, Blutdruck oder Termine geht.
5. So sprichst du es im Heim an
Der praktische Teil. Er dauert zwei Minuten.
Mit wem: zuerst mit der Heimleitung. Sie muss einen Friseurtag freigeben, deshalb führt der erste Weg dorthin. Organisiert wird er danach meist von der Pflegedienstleitung, und die Stationsleitung fragt auf den Stationen durch. Einfach beim nächsten Besuch, am Telefon oder per Mail nachfragen.
Was du sagst: Du musst nichts verkaufen und nichts fordern, eine Frage reicht. Wenn du magst, nimm diese hier:
"Guten Tag, ich bin die Tochter von Frau Müller aus Zimmer 14. Ich wollte fragen, wie das bei Ihnen im Haus mit dem Friseur geregelt ist. Meine Mutter würde sich sehr über einen Haarschnitt freuen, und ich schaffe es zeitlich nicht, sie zu einem Salon zu bringen. Gibt es bei Ihnen Friseurtage? Und falls nicht: Wäre das etwas, das man einmal organisieren könnte? Ich kenne eine mobile Friseurin, die genau das anbietet, falls Sie einen Kontakt brauchen."
Der letzte Satz ist der wichtige. Er macht aus einer Bitte einen Vorschlag und nimmt der Pflegedienstleitung die Arbeit ab, jemanden suchen zu müssen.
Was danach passiert: Alles Weitere läuft zwischen Heim und mir als Friseurin. Die Stationsleitung fragt im Haus herum, wer mitmachen möchte, und macht einen Tag aus. Du bist ab da raus, du hast deinen Teil getan.
Und wenn das Heim schon Friseurtage hat: Frag, wann der nächste ist und ob deine Mama auf die Liste kommt. Genau dieser Satz fehlt oft, weil niemand sie gefragt hat und sie selbst nicht danach fragt.
6. Was auch dann geht, wenn es schwierig ist
Viele fragen gar nicht erst, weil sie annehmen, dass es bei ihrer Mutter oder ihrem Vater nicht mehr geht. Meistens geht es doch, es läuft nur anders ab.
Rollstuhl. Unkompliziert, die Person muss nicht umsteigen.
Schlechtes Hören oder Sehen. Ich rede langsam und von vorne, damit man mir vom Mund ablesen kann, und kündige jede Berührung an.
Demenz. Hier haben die meisten Angehörigen schon schlechte Erfahrungen gemacht, oft beim Waschen zuhause. Ich arbeite unter andrem auf einer reinen Demenz-Station in einer Klinik und habe demenstsprechend viel Erfahrung im Umgang mit Demenz-Patient:innen.
Was hilft: vormittags statt nachmittags, weil viele später unruhiger werden. Laufend sagen, wer ich bin und was ich mache, nicht nur einmal am Anfang. Jeden Schritt vorher ankündigen, bevor Wasser auf den Kopf kommt oder der Föhn angeht. Überraschungen sind das Problem, nicht das Wasser. Und wenn das Waschen der Auslöser ist, schneide ich trocken. Ein Haarschnitt braucht nicht unbedingt eine Haarwäsche.
Was ich nicht mache: jemanden festhalten oder gegen erkennbaren Willen weiterarbeiten. Wenn es heute nicht geht, geht es heute nicht.
Wenn jemand gar nicht will. Manchmal ist es Scham, manchmal ein schlechter Tag, manchmal die Sorge um die Kosten. Oft hilft es, beim ersten Mal nur zu waschen und zu föhnen, ohne Schere. Wenn das gut war, ist der Schnitt beim nächsten Mal kein Thema mehr.
Wie kommt eine mobile Friseurin ins Pflegeheim?
Über das Heim. Die Stationsleitung oder Pflegedienstleitung sammelt, welche Bewohnerinnen und Bewohner etwas möchten, und stimmt einen Friseurtag ab. Angehörige buchen keinen Einzeltermin, sie sprechen das Thema im Haus an.
Was mache ich, wenn das Heim keinen Friseurtag hat?
Frag bei der Heimleitung nach, ob so etwas organisiert werden könnte, und biete an, einen Kontakt weiterzugeben. Viele Häuser haben keinen Friseurtag, einfach weil es nie jemand angesprochen hat.
Kann ich als Angehörige einen Einzeltermin für meine Mutter buchen?
Im Pflegeheim nicht. Gearbeitet wird in Friseurtagen, an denen mehrere Bewohnerinnen und Bewohner drankommen. Deine Mutter kommt einfach auf die Liste des Hauses.
Ist der Friseur im Heimentgelt enthalten?
In der Regel nicht. Haarewäsche gehört zur Grundpflege, Schneiden, Legen und Färben normalerweise nicht. Die Kosten tragen meist die Bewohnerin selbst oder die Angehörigen. Die Regelung unterscheidet sich je nach Träger. Am besten klärst du das noch einmal direkt mit dem Heim.
Mit wem im Heim soll ich sprechen?
Am besten direkt mit der Heimleitung. Die muss es am Ende freigeben und so vermeidet man, dass das Anliegen verloren geht. Beim Besuch, am Telefon oder per Mail, alles ist in Ordnung.
Muss ich beim Friseurtag dabei sein?
Nein. Der Tag läuft zwischen Heim und Friseurin ab. Wenn du eine Rückmeldung möchtest, sag das der Stationsleitung.
Was ist, wenn meine Mutter oder mein Vater Demenz hat?
Ich habe viel Erfahrung im Umgang mit Personen mit Demenz. Ich arbeite unter andrem auf einer einen Demenz-Station in einer Klinik. Der Termin läuft dann anders ab: vormittags, mit ständiger Ankündigung jedes Schritts, ohne Zeitdruck. Wenn das Waschen der Auslöser ist, wird trocken geschnitten. Gegen einen erkennbaren Willen wird nicht weitergearbeitet.
Meine Mutter will nicht zum Friseur. Was kann ich tun?
Oft steckt Scham dahinter oder die Sorge um die Kosten. Es hilft, beim ersten Mal nur waschen und föhnen zu lassen, ohne Schere. Wenn das gut ankommt, ist der Schnitt beim nächsten Mal meist kein Thema mehr.
Kann auch mein Vater mitmachen?
Ja. Herrenschnitte, Nacken ausrasieren und Augenbrauen kürzen gehören zum Friseurtag dazu.

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